Unser Oberstufen-Tutor hatte beschlossen, dass es eine tolle Idee wäre, kurz vor der Ausgabe der Halbjahreszeugnisse eine Stufenfahrt nach Brixental zu machen. War ja an sich auch ganz nett. Zumindest mal jede Menge Schnee, was es in Deutschland schon seit Jahren nicht mehr gab, und mit meinen Stufenkamerad*innen kam ich ja soweit auch gut klar. Außer in so Situationen wie jetzt. Wir spielten Flaschendrehen. Oder eher gesagt sie, und ich saß zum Schein daneben, weil ich kein Spielverderber sein wollte, aber ich war der Einzige, der nichts vom ins Hotel reingeschmuggelten Wodka getrunken hatte. Entsprechend war das Verhalten der anderen für mich eher zum Fremdschämen. Lea K., eine Pastorentochter, die unter Alkoholeinfluss alles, nur nicht besonders prüde war, legte gerade ihre Hand an die Flasche in der Mitte unseres Sitzkreises auf dem Boden und schaute verschwörerisch in die Runde. Jede(n) von uns fasste sie ins Auge, während sie gedehnt sprechend ankündigte: „Der oder die, auf den die Flasche zeigt, muss die Person direkt gegenüber von sich auf den Mund küssen!“

Scheiße!

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Wie groß war auch schon die Chance, dass die Flasche gleich ausgerechnet auf mich zeigen würde. Obszönes Grölen machte nebenher die Runde, als die Flasche sich auch schon zu drehen begann. Flüchtig überschlug ich in Gedanken nochmal, wie viele Leute wir hier gerade im Viererzimmer waren - so um die fünfzehn - dann brach Gelächter aus. Abgelenkt schaute ich zurück auf die Flasche. Das untere Ende zeigte zu mir, und sofort begriff ich. Schockiert sah ich geradeaus. Adriano, der Quotenstreber unserer Stufe erwiderte erheitert meinen Blick.
 „Nicht kneifen, Jungs!“, ermahnte Lea uns und kicherte vorfreudig.
 „Nein!“, protestierte ich allerdings sofort und schüttelte energisch den Kopf. „Im Leben nicht. Ich schwöre. Wag es dich!“
 Adriano begegnete mir mit einem Schmunzeln und zuckte nur unschuldig mit den Schultern.

Bei Allah, ich hasste dieses Spiel ...

Mein Sitznachbar klopfte mir kumpelhaft ermutigend auf die Schulter. „Komm, Alter! Is' doch nur für's Spiel“, versuchte er mich zu beschwichtigen, doch ich schüttelte nur wieder heftig den Kopf und machte schon Anstalten, sicherheitshalber aufzustehen. Da zwinkerte Adriano aber flüchtig in meine Richtung und drehte sich prompt nach rechts um. Nun saß er mit dem Rücken zu David und dem Gesicht zu Vanessa. Ich stockte. Vanessa stand voll auf ihn. Das wussten alle auf der Schule. Daraus machte sie aber auch kein Geheimnis.
 „Vanessa, willst du dich für Kenan opfern?“, feixte Adriano angetrunken und sah sie dabei erwartungsvoll an.
 Vollkommen übertrieben dramatisch fasste sie sich ans Herz und erwiderte: „Ja, ich will.“
 Dann wechselte Adriano auch schon in eine kniende Position und beugte sich vor, um sie zu küssen.

Glückspilz, dachte ich fassungslos. Gleichzeitig konnte ich nicht anders, als erleichtert auszuatmen. Das war wirklich eines dieser Themen, die in Deutschland so vollkommen anders abliefen als im Irak. Ob ich mich jemals daran gewöhnen würde? Jubelnd feuerten die anderen Adriano und Vanessa auch noch an, während die zwei wohl so schnell nicht damit aufhören wollten, sich gegenseitig ihre Zungen in den Rachen zu stecken. Ich krauste die Stirn und schaute lieber zu den angebrochenen Wodkaflaschen drumherum. Fast leer. Das Spiel würde ab jetzt also mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem gerade erlebten Niveau bleiben. Entschlossen drückte ich mich in den Stand hoch und verließ das Zimmer leise. Keine Ahnung, ob es wer mitbekam. War mir auch egal. Ich wollte gar nicht der Mittelpunkt einer Szene sein. Unter dem Radar lebte es sich nach wie vor entspannter.

Zurück im eigenen Zimmer öffnete ich erstmal das Fenster komplett und holte eine Zigarette aus der tiefen Tasche meiner Jogginghose. Solange Adriano, der gleichzeitig mein Zimmernachbar hier in dieser Unterkunft war, sich noch gegenüber mit den anderen amüsierte, musste ich die Gelegenheit nutzen, ungestört zu rauchen. Er war mit seinen spanisch-venezolanischen Wurzeln die reinste Frostbeule und meckerte schon morgens immer, wenn ich zu früh lüftete, um die abgestandene Luft auszutauschen. Unweigerlich schmunzelte ich bei dem Gedanken. Irgendwie mochte ich den Kerl ja schon, aber eher nur dann, wenn wir unter uns waren. In größerer Gesellschaft mutierte er regelrecht zum Klassenclown. Den ersten Schwall Zigarettenqualm ausatmend beugte ich mich über den Fensterrahmen und schaute auf die nächtliche Schneelandschaft runter. Bereitwillig ließ ich meine Gedanken schweifen.

Am Mittag noch waren wir oben auf der Piste gewesen und hatten uns gegenseitig dafür ausgelacht, wie schlecht wir beide einfach auf den Skiern waren. Adriano lachte eigentlich dauernd. Für ihn war das wahrscheinlich nichts Besonderes. Man musste sich eher Gedanken machen, wenn er mal einen ganzen Schultag lang nicht die Mundwinkel hochbekommen hatte, aber für mich war es ein besonderer Moment. Ich konnte schon ewig nicht mehr mal eben so von Herzen lachen, wie ich es heute mit ihm getan hatte. Diese Möglichkeit war mir auf der Flucht nach Deutschland irgendwie abhandengekommen, und sie wollte auch nicht so recht zurückkehren. Ich merkte erst etwas zeitverzögert, dass meine Lippen ein Lächeln gebildet hatten. Ein Blick auf meine schon halb verbrannte Zigarette verriet mir, dass ich länger in Gedanken gewesen war als beabsichtigt.

Auf dem Flur lachte jemand. Nur ganz kurz. Dann tuschelte irgendwer anderes verschwörerisch. Vermutlich, um daran zu erinnern, dass niemand die Lehrer*innen auf den Plan rufen sollte. Schließlich waren 23 Uhr schon durch und wir müssten eigentlich längst alle auf unseren Zimmern sein. Ich nahm noch einen letzten Zug von der Zigarette. Dann drückte ich sie auf der vereisten Fensterbank aus und packte sie schließlich in eine leere Zigarettenschachtel, um keine Spuren zu hinterlassen.
 „Zimmerkontrolle“, äffte Adriano beim Hereinkommen Herrn Romprecht, unseren Tutor nach. Dem folgte direkt die zu erwartende Feststellung: „Boah ist das kalt hier. Mach mal das Fenster zu, Mann!“
 Ohne Widerworte atmete ich den letzten Schwall Qualm in die Nacht aus und schloss dann das Fenster.
 „Dass du noch nicht erfroren bist …“
 Ich begegnete Adrianos ungläubigen Blick, als ich herum wendete und mich mit dem Po hinten anlehnte. Er wiederum schaute an mir auf und ab. Sofort war mir klar, dass er mein T-Shirt meinte, das ich trug. Tatsächlich ohne dass mir kalt war. „Kann ja nicht jeder so ‚ne Frostbeule wie du sein“, neckte ich ihn. Triumphierend bemerkte ich, dass seine Braue direkt verräterisch zuckte. Er war so berechenbar …
 „Es ist kalt, Kenan. Wir haben hier gerade -5 °C. Kann eher nicht jeder so ein Heißblut wie du sein.“ Dass er nun doch grinste, verwirrte mich. Musste an seinem Alkoholpegel liegen. Sonst hielt sein Unmut länger an. Über meine Verwunderung vergaß ich zu antworten. Erst sein „Da verschlägt’s ihm glatt die Sprache“ riss mich wieder zurück in die Gegenwart. Mit amüsiert gekrauster Nase trat er näher heran und sah mich nun direkter an. Er war gut einen halben Kopf länger als ich. Fragend schaute ich zu ihm hoch.

„War nur Spaß. Du bist aber jetzt nicht pissed wegen eben, oder?“ Der Unterton seiner sanft klingenden Stimme nahm etwas Ernsteres an. Fast hätte ich geschworen, es hätte schuldbewusst geklungen.
 Ich schüttelte den Kopf. „Alles gut. Ist einfach nicht mein Stil.“ Derweil parkte ich meine Handballen auf dem Heizkörper unter mir. „Macht man halt im Islam nicht so.“
 „Hmhm“, antwortete Adriano und schien einen Augenblick lang darüber nachzudenken.
 War mir schon klar, dass er und die anderen so was nicht bereits vorher bedacht hatten. So was war ich schon gewohnt. Ich unterbrach ihn nach einem „Sorry“ seinerseits. „Schon okay, aber mal was anderes…“
 Nun sah er mich neugierig an. Seine von Natur aus großen dunklen Augen weiteten sich leicht. Das verlieh ihm einen irreführend naiven Ausdruck.
 „Wenn ich nicht nein gesagt hätte, hättest du das eben echt gemacht?“
Ich beobachtete, wie er erneut nachdachte, bevor er antwortete: „Naja … hätte mich jetzt zumindest nicht gestört, wenn ich ehrlich bin.“
Schweigend lehnte ich mich zurück und besah ihn überrascht.
Er schien zu verstehen, denn bald schon redete er weiter: „Weißt du, mir ist das eigentlich relativ egal, ob jemand weiblich oder männlich ist. Hot ist hot, hm?“
Kaum, dass er das ausgesprochen hatte, bildeten sich Lachfältchen in seinem sonnengezeichneten Gesicht und ich spürte, wie meine Wangen unerwartet warm wurden. Unweigerlich zuckten meine Brauen nach oben.
Adriano schmunzelte und erklärte ungefragt: „Unter uns Kenan: Du bist sportlich, verdammt gut erzogen und auch nicht auf den Kopf gefallen. Dass die Mädels bei dir nicht Schlange stehen, liegt, glaube ich, eher daran, dass du einfach mal so null Interesse an denen signalisierst. Keine Ahnung, warum. Geht mich auch nichts an, aber…“
Nun unterbrach ich ihn doch wieder: „Wie bist du dahinter gestiegen, dass es dir egal ist?“ Ich stockte. Vielleicht hätte ich mich doch vorab für das Kompliment bedanken sollen. Doch ehe ich einen Dank nachholen konnte, zuckte Adriano mit den Schultern und hakte seine Daumen in den Hosentaschen seines Hausanzugs ein. „Ich hab’s einfach ausprobiert. Genau in so Situationen wie eben. Da, wo sich niemand was dabei denkt, weil es ja nur ein Spiel ist.“

Das ergab so erschreckend viel Sinn, dass ich es jetzt doch irgendwie fast bereute, die Chance nicht genutzt zu haben. „Und dir hat deswegen noch nie jemand nachgesagt, du wärst schwul oder so?“
 Diesmal legte er den Kopf schief. „Selbst wenn … scheiß doch drauf! Ist ja kein Verbrechen mehr.“
 Etwas zog sich in meiner Magengegend zusammen. Ich fühlte mich beobachtet. Also nicht von Adriano. Absichernd sah ich aus dem Fenster hinter mir. Dabei versuchte ich, die Bewegung so flüchtig wie möglich zu halten, damit er sich bestenfalls nicht darüber wunderte. Er schwieg. Keine Ahnung, ob er bemerkte, was der Satz in mir ausgelöst hatte. Seine Augen blickten mir nur weiter offenherzig entgegen. Als ich erstmals direkten Blickkontakt mit ihm suchte, merkte ich, wie sich mein Herzschlag direkt erhöhte. Unsicher presste ich meine Lippen aufeinander. Mein gesamter Körper spannte sich an, ohne dass ich viel dagegen ausrichten konnte.

„Zwei Möglichkeiten …“, kommentierte er nun doch, und durchbrach zum Glück damit die unangenehme Stille zwischen uns. „Entweder du willst mir gerade eine zimmern, weil du was gegen queere Leute hast, oder du willst mich fragen, ob ich das auch ohne Trinkspiele mache.“ Er bemühte sich sichtlich, ernst dreinzublicken. Ein Hauch von Zurückhaltung lag in seiner Art, aber er war einfach nicht der Typ dafür, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
 Ich schnaubte fassungslos und lenkte meinen Blick zur Seite. Unweigerlich entspannte ich mich dabei aber auch schon wieder etwas.
 „Okay, die Antwort ist ja“, sagte er ruhig. Seine folgenden Worte vernahm ich dichter an meinem Ohr „Von mir erfährt es auch keiner.“
Mir war, als spürte ich seinen heißen Atem direkt auf meiner Wange. Ein Schauer huschte über meinen Körper. Vorsichtig richtete ich meinen Blick wieder auf ihn. Er hatte sich leicht vorgebeugt und war mir damit näher als je zuvor. Ich drohte, mich in seinen Augen zu verlieren. „Schwör es!“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Das hatte ich definitiv anders geplant, aber ich kam nicht mehr dazu, es zu korrigieren.
„Auf alles, was mir heilig ist.
Allah, was passiert hier?

Mein Kopf nickte nur noch wie ferngesteuert. Ich hatte keine Kontrolle mehr darüber, was ich tat.
 „Schließ deine Augen“, wies er mich sanft an und ich tat wie geheißen. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund vertraute ich ihm genug, um stillzuhalten. Einzig meine Hände packten den Heizkörper fester, während Adrianos Lippen meine eigenen berührten. Mein Herz setzte aus. Adriano war rücksichtsvoll. Kein Vergleich zu dem, was er mit Vanessa getan hatte. Erneut huschte ein Schauer über meine Haut.  Geistesabwesend erwiderte ich schließlich den Kuss. Kurz darauf spürte ich dann auch eine seiner Hände an meinem Nacken. Diese Geste raubte mir fast den Atem. Sofort raste mein Herz unter meiner Brust und ich kam nicht umhin, angetan zu seufzen. Erschrocken vor mir selbst löste ich den Kuss mit einer kleinen Kopfneigung und konnte Adriano nur noch anstarren. Er benetzte seine Lippen beiläufig. In seinem Blick lag offene Zuneigung.
 „Danke“, hauchte ich nur heiser aus. Das war sicher nicht das, was er hören wollte, aber ich musste raus aus der Situation. In mir läuteten mit einem Mal Alarmglocken, vernichteten das wohltuende Gefühl in mir und zwangen mich dazu, mich an Adriano vorbeizudrängen und auf mein Bett zu flüchten. Ob er verstand oder nur zur Abwechslung mal selbst nicht wusste, was er tun sollte, weiß ich nicht. Er stand noch eine Weile an Ort und Stelle, ehe er sich dann auch zu Bett begab. Erst ein, zwei Stunden später verriet mir sein regelmäßiger Atem, dass er eingeschlafen war. Ich lauschte seinem Klang noch viel länger als es angebracht gewesen wäre.